Trikotgeschichten: Hand Gottes II, Maradonas Kontroverse von 1990
Veröffentlicht am 1. Juni 2026
Text: Oscar O'Connor
Die Handspiel-Geschichte, die kaum jemand kennt
Wer der größte Fußballer aller Zeiten ist, wird heiß diskutiert. Doch ein Name hat seinen Platz auf dem persönlichen Mount Rushmore von so gut wie jedem Fußballfan sicher: Diego Maradona. Maradona war ein technisches Genie mit dem Ball am Fuß; seine übernatürlichen Dribbelkünste, seine schillernde Persönlichkeit und sein feuriges Temperament sind legendär.
Jahrzehnte nach seinem Karriereende ist der inzwischen verstorbene Maradona noch immer weltweit ein Volksheld. Sein Trikot mit der Nummer 10 bleibt eines der ikonischsten der Fußballgeschichte, und in dieses klassische Argentinien-Trikot, das er bei der WM 1990 gegen die UdSSR trug, ist eines der dramatischsten Kapitel der Fußballgeschichte eingewoben.
Dieses Diego-Maradona-Argentinien-Trikot von 1990 war ausgestellt als Teil der The MWS Legend Collection NYC Ausstellung, eine Hommage an die Geschichte des Fußballs, erzählt anhand einiger der legendärsten Trikots und unvergesslichsten Momente des Spiels.
Ein Talisman für Verein und Nationalmannschaft
Im Sommer 1990 hatte Maradona die Realität selbst bereits seinem Willen unterworfen: Er hatte Argentinien als Kapitän beim Turnier 1986 in Mexiko zum Triumph geführt, für seine Leistungen den Goldenen Ball des Turniers gewonnen und gegen England vielleicht das berüchtigtste Tor aller Zeiten erzielt – die berüchtigte „Hand Gottes“.
Maradona kam zur Italia ’90 mit den Erwartungen der ganzen Welt auf seinen Schultern – und mit den Verschleißerscheinungen am linken Knöchel, die die Tacklings in der Serie A der frühen 90er hinterlassen hatten …
Argentinien verlor sein Auftaktspiel gegen Kamerun und musste im zweiten Spiel gegen die UdSSR in Neapel punkten. Also streifte Maradona dieses Trikot über und betrat einen Rasen, den er nur allzu gut kannte.
Der Austragungsort verlieh dem Geschehen eine zusätzliche Portion Spannung, denn die Partie fand im Stadio San Paolo des SSC Neapel statt (2020 in Stadio Diego Armando Maradona umbenannt). Neapel war außerhalb von Buenos Aires die Stadt, die Maradona mehr verehrte als jede andere.
Bis 1990 hatte Maradona den SSC Neapel vom Außenseiter zum Meister gemacht und war in Süditalien zu einer beinahe mythischen Figur geworden. Er war zugleich Argentiniens Kapitän und Neapels Wahlsohn – man kann sich also vorstellen, welche Gänsehaut Maradona bekam, als er in diesem Trikot sein Land auf den Rasen führte, den er so oft zum Leuchten gebracht hatte.
Der Maradona von 1986 war sprühende Klasse in Person: Er glitt wie ein Geist durch ganze Abwehrreihen und zeigte einige der größten Einzelleistungen, die die Welt je gesehen hat. Das im Spiel gegen die UdSSR von ihm getragene Trikot hingegen erzählt von einem anderen Maradona.
Hier sah man einen sichtlich verletzten Spieler, der seinen temporeichen Dribblingstil in eine kämpferischere Spielmacherrolle überführte, linienbrechende Pässe spielte, gegnerische Angriffe unterband und sich mit der UdSSR in Sachen Zweikämpfe nichts schenkte.
Maradona, ein Spieler, der bekanntermaßen von Gott berührt war, wirkte auf der Weltbühne zum ersten Mal fast menschlich. Doch den einen oder anderen göttlichen Trick hatte er immer noch im Ärmel …
Der Moment
Das Spiel selbst war hektisch und körperbetont. Argentinien ging durch Pedro Troglio in Führung, doch was wenige Augenblicke später geschah, sollte Teil der Fußballfolklore werden: Erneut, und noch dazu bei zwei Turnieren in Folge, rief Maradona göttlichen Beistand herbei, um seiner Nation zu helfen.
Eine scharf hereingezogene Ecke der UdSSR wurde am kurzen Pfosten per Kopf verlängert. Als der Ball auf dem Weg ins Tor war und der Torhüter hastig auf seine Linie zurückeilte, streckte Maradona instinktiv den Arm aus, um zu verhindern, dass der Ball ins Tor ging.
Die Hand Gottes hatte wieder zugeschlagen, und erstaunlicherweise blieb, wie schon vier Jahre zuvor, der Pfiff aus.
Vor der Ära der Sterne über dem Wappen
Die Bilder von Maradonas berüchtigten Handspiel-Vorfällen sind seitdem zu einem der prägenden Widersprüche seines Vermächtnisses geworden.
Da war der größte Spieler der Welt, der auf der größten Bühne der Welt betrog – und damit durchkam! Gegen England 1986 ging es um Ruhm. Gegen die UdSSR 1990 ging es ums Überleben.
Trotz Verletzung spielte er weiter und lieferte eine unermüdliche Box-to-Box-Leistung ab; Maradona zeigte, dass hinter all der Finesse, dem Talent und den hypnotisierenden Tricks ein Mann stand, dessen Nationalstolz, Leidenschaft und Siegeswille das eigentliche Fundament seines Spiels bildeten.
Leidenschaft vor Prinzipien
Jeder Fleck, jede Naht und jedes Detail dieses Trikots gehört zu einem Spiel, das genau diese Version von Maradona einfing: erschöpft, aber unbeugsam; ein tragischer Held, der nicht auf der Höhe seiner Kräfte spielen konnte, sich aber mit nichts weniger als einem Sieg Argentiniens zufriedengeben wollte.
Eine Nummer, die Argentinien gehört
Es gab noch immer jede Menge seidenweiche Kabinettstückchen an Verteidigern vorbei – schließlich reden wir hier immer noch von Diego Maradona! Und er krönte seinen rundum starken Auftritt als Kapitän, indem er Argentiniens zweiten Treffer vorbereitete; am Ende gewann Argentinien mit 2:0.
Jahrzehnte später zählt das Argentinien-Trikot, das Maradona gegen die UdSSR trug, zu den geschichtsträchtigsten Sportmemorabilien der Welt. Das Trikot steht für eine Ära, in der der Fußball roh und unberechenbar wirkte, in der der größte Spieler der Welt auf dem Platz fast jede Position spielte – einschließlich der eines Quasi-Torwarts.
Die Fakten und Statistiken der Fußballgeschichte leben in Archivaufnahmen fort, doch dieses Trikot trägt das Blut, den Schweiß und die Tränen jener Momente in sich, in denen die Geschichte selbst kippte – dort, wo gottgleiches Talent auf menschliche Grenzen traf.
