Shirt Stories: Marco Tardelli und der Schrei, der um die Welt ging
Veröffentlicht am 17. Juni 2026
Text: Oscar O'Connor
Die Legende von L'Urlo di Tardelli
Nur wenige Torjubel gehen mit dem gleichen Ruhm in die Geschichte ein wie die Tore, die sie ausgelöst haben. Noch seltener erhalten sie einen ganz eigenen, einzigartigen Spitznamen.
Aber „L'Urlo di Tardelli“ (Der Tardelli-Schrei) war nicht die Art von WM-Moment, die verblasst, sobald der letzte Ball des Turniers von 1982 gespielt wurde.
Vier Jahrzehnte nach Italiens Triumph über die Bundesrepublik Deutschland im Madrider Santiago-Bernabéu-Stadion ist die spontane Ekstase von Marco Tardelli eines der bleibendsten Bilder des gesamten Sports, und erst recht des Fußballs.
Dieses Italien-Trikot von Marco Tardelli wurde im Rahmen der Ausstellung „The MWS Legend Collection NYC“ präsentiert – einer Hommage an die Fußballgeschichte, erzählt anhand einiger der legendärsten Trikots und unvergesslichsten Momente des Sports.

Obwohl Italien als krasser Außenseiter in das Turnier von 1982 gestartet war, erreichte das Team das Finale gegen die Bundesrepublik Deutschland, nachdem es zuvor bereits den amtierenden Weltmeister Argentinien und den Turnierfavoriten Brasilien besiegt hatte.
Es war 44 Jahre her, seit Italien das letzte Mal zum Weltmeister gekrönt worden war. Mit einer Mannschaft um den torgefährlichen Stürmer Paolo Rossi im Angriff und der Mittelfeld-Schaltzentrale mit Gabriele Oriali und Marco Tardelli blieben sie im Turnier ungeschlagen und waren in Siegerstimmung.
Es entwickelte sich ein intensives und hart umkämpftes Spiel, bei dem sich beide Mannschaften Chancen im gegnerischen Strafraum erarbeiteten und auf dem gesamten Platz mit beherzten Grätschen zu Werke gingen. Zur Halbzeit stand es noch 0:0, doch in der 57. Minute verwertete Rossi eine aufsetzende Flanke mit dem Kopf und brachte Italien in Führung. Nach 44 Jahren war Italien nun nur noch knapp 30 Minuten von der Unsterblichkeit entfernt. Doch jegliche Gedanken daran, dass sie den sprichwörtlichen Bus parken würden, um eine 1:0-Führung zu verwalten, wurden in der 69. Minute durch den berühmtesten Schrei seit Edvard Munch im Keim erstickt.
Es ist der Jubel, der uns in Erinnerung geblieben ist, aber auch das Tor selbst war eine wahre Augenweide. Nach feinem Kombinationsspiel der Italiener nahm Tardelli den Ball am Halbkreis vor dem Strafraum an und legte ihn sich mit dem rechten Fuß auf seine linke Seite. Als sich der Ball wegdrehte und aufsprang, zog der aus dem Gleichgewicht geratene Tardelli im Rutschen per Halbvolley mit dem linken Fuß ab, sodass der Ball am deutschen Torwart vorbei unten im Eck einschlug. Es folgte der leidenschaftlichste Torjubel aller Zeiten.
Der Moment
Als er mit Tränen in den Augen, ungläubig den Kopf schüttelnd und mit grenzenloser Freude im Gesicht abdrehte, wurde der Tardelli-Schrei geboren. Es war the wilde Ausdruck eines Mannes wie im Rausch, der sich mit einem Moment reiner, instinktiver Genialität seinen Kindheitstraum erfüllt hatte. Tardelli stieß die zitternden Fäuste in die Luft und schrie die unsterblichen Worte: „Gol! Gol! Gol!“ Die Emotionen, die sein Gesicht ausstrahlte, spiegelten die Euphorie einer ganzen Nation wider. Vierundvierzig Jahre des Schmerzes waren innerhalb weniger Minuten weggespült, und jede Faser davon entlud sich in diesem Schrei.
Im Rückblick auf seinen legendären Torjubel erklärte Tardelli später:
„Ich wurde mit diesem Schrei in mir geboren … Das war einfach der Moment, in dem er herauskam.“

Für Tardelli war dieser Moment die Krönung seines lebenslangen sportlichen Schaffens. Jeder junge Fußballer träumt davon, das entscheidende Tor in diesem, dem Finale aller Finals, zu erzielen. Nur sehr wenige Spieler erreichen jemals diesen erhabenen Gipfel des Sports, und noch weniger haben der Welt die überwältigenden Emotionen vermittelt, wenn ein Traum in Echtzeit Realität wird. Die pure Emotion von Tardellis Jubel verlieh seinem unsterblichen Moment eine menschliche Seite, mit der sich Millionen von Zuschauern identifizieren konnten.
Zehn Minuten später war das Spiel endgültig entschieden, als der eingewechselte Alessandro Altobelli den Schlusspunkt für Italien setzte, den Torwart umspielte und den Ball zum 3:0 einschob. Da von den 90 Minuten nur noch etwa acht zu spielen waren und man ein Polster von drei Toren hatte, war Italien so gut wie am Ziel. Deutschland gelang zwar einige Minuten später noch der Ehrentreffer, doch das reichte nicht aus, um die Azzurri daran zu hindern, sich ihren dritten Triumph zu sichern.
Der Schlusspfiff ertönte, und ganz Italien brach in Jubel aus. Doch der Schrei eines Mannes übertönte sie alle.
